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CV & shows

Christian Herrnbeck, Alexandra Klei, Annika Wienert:

 

MAARTEN VAN DER HEIJDEN

 

ÜBERWINDUNG DER FOTOGRAFIE - eine Entwicklungsgeschichte 2005 – 2011

 

5Fotografen5Tage – Berlin – Schererstrasse 9 - 02.10.2011-06.10.2011

Vernissage: Sonntag, den 02.10.2011, 19.00 Uhr
Finissage: Donnerstag, den 06.10.2011, 19.00 Uhr

 

Maarten van der Heijden, klassischer Musiker, Psychologe und jetzt bildender Künstler, wurde 1947 in Amsterdam geboren. Nach der Beschäftigung mit Wissenschaft und Musik wandte er sich im Alter von 58 Jahren der Bildenden Kunst zu. Die jüdischen Wurzeln seiner Familie wurden Zuhause kaum thematisiert. Van der Heijden verspürte jedoch das Bedürfnis, die eigene jüdische Identität zu erforschen. Neben der jüdischen Tradition beschäftigte ihn vor allem der Holocaust. Die Konfrontation mit den nationalsozialistischen Verbrechen führte ihn nach eigener Aussage zu drei Möglichkeiten: "in den Kanal zu springen", die Verdrängung, oder die Auseinandersetzung mit all diesen Schrecken. Van der Heijden entschied sich für Letzteres und nahm zu diesem Zweck an der Rietveld Akademie in Amsterdam ein Studium der freien Kunst auf. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung auf, die van der Heijdens künstlerische Auseinandersetzung mit der Shoah seit Studienbeginn durchlaufen hat.
In vielen Arbeiten verwendete van der Heijden Fotografien der Alliierten aus dem Jahr 1945. Seine Arbeit „Behind the Hills of Thueringen" von 2007, eine aufklappbare Boxkonstruktion, offenbart erst im Innern den ehemaligen Schrecken dieses Landstriches. Von außen ist sie mit Fotos der idyllischen Hügellandschaft beklebt. Wer die Schachtel öffnet, sieht sich mit Fotos aus der Zeit der Konzentrationslager konfrontiert. In „Ecce Homo" bedient sich van der Heijden bei der Kunst der Renaissance. Er fertigt Fotomontagen, die Ausschnitte der Passion Christi mit Schwarzweißbildern der alliierten Fotografen kombinieren. Die resultierende Ästhetik der Bilder erzielt eine sowohl anziehende als auch abstoßende Wirkung. Der Betrachter will verstehen, wird aber gleichzeitig verstört. Die beiden unterschiedlichen Bildbestände sind nicht nur über das Thema des Leidens verbunden, sondern nehmen auch stilistisch, in Form des Faltenwurfs der Stoffe oder der Körperhaltung der dargestellten Personen, aufeinander Bezug. Noch radikaler tritt diese konfrontative Ästhetik in seinen farbenfrohen „Grotesques" in Erscheinung. Hier verfremdete der Künstler die Fotos der Alliierten durch digitale Bildverarbeitung zu kaleidoskopischen Bildern. Symmetrie, bunte Farben, Ornament und Wiederholung erschaffen ein dekoratives Muster. Den Schrecken registriert man erst bei genauer Betrachtung. Die Fotos der Alliierten werden damit von bekannten „Ikonen" zu neu gesehenen Schreckensbildern, die sich auf andere Art als durch das bloße Wiedererkennen bei der Betrachtung einschreiben.

 

Das 2008 begonnene Projekt „@Maarten141BOXES" beschäftigt sich auf eine implizitere Art und Weise mit der Vergangenheit. 141 gefüllte Kartons, die sich während seines Lebens angesammelt hatten, wurden nach und nach entleert, der Inhalt fotografiert, archiviert und verstaut. Dabei generiert sich eine Autobiografie in Form von Bildern. Aus der Arbeit spricht das Verlangen, sich an das Vergessene wieder erinnern zu können, sowie Ordnung und Struktur in das eigene Leben zu bringen. Jeder Gegenstand aus den Kisten erzählt eine eigene Geschichte, an jedem haftet eine Erinnerung. Über die individuelle Erinnerung des Künstlers hinaus stellt die Arbeit allgemeine Fragen: Was macht die Identität eines Menschen aus? Was bleibt von einem Menschenleben übrig? Damit thematisiert van der Heijden auch die Auswirkungen des Holocaust auf die nachgeborene Generation. Seit Anfang 2011 werden auf der Internetseite des Projektes nach und nach die Vorgänge des Auspackens, Archivierens, Dokumentierens und des Verstauens der Inhalte, meist in Form von Fotos, gezeigt. Das Projekt ist interaktiv angelegt, wobei die Diskussionen und Kommentare der Besucher und Besucherinnen Einfluss auf die Entwicklung des Projekts nehmen sollen.

 

HANDOUT:

ÜBERWINDUNG DER FOTOGRAFIE - eine Entwicklungsgeschichte (2005 – 2011)

Maarten van der Heijden:

 

2005 - 2007
Ich bin niederländischer Jude der zweiten Generation, geboren 1947. Ich war früher Violonist in einem Barockmusik- Ensemble, danach arbeitete ich als Kinderpsychologe in der Forschung und im klinischen Bereich. Nach einer Midlife Crisis studierte ich von 2005 bis 2010 an der Gerrit Rietveld Art Academy in Amsterdam.

 

2008 - 2009
Nachdem ich Sol LeWitts Sätze über Konzeptkunst gelesen hatte, begann ich 2008 das autobiographische Kunstprojekt 141 Boxes: das Auspacken, archivieren, dokumentieren, fotografieren und aufräumen des Inhalts von 141 Umzugskartons, die sich in meinem Haus befanden.
@Maarten141 BOXES wurde zu einem digitalen, interaktivem Internet-Kunstwerk, das sich ständig weiterentwickelt.

 

2010 -2011
Seit 2010 benutze ich in meinen fotografischen Arbeiten die Bilder, die Fotografen der Alliierten Truppen bei der Befreiung der Nazi-Konzentrationslager machten. Diese Bilder sind so entsetzlich und erschreckend, dass sie aus der Öffentlichkeit beinahe vollständig verschwunden sind...